Artikel zur theaterbaustelle.
Kreuzer vom 12/06
Von Anna Postels.
|
Hausieren und duellieren
Die Theaterbaustelle mischt mit "Stückwerk" und "Regieduellen" die Szene auf.
(Kreuzer, 12/06)
Leipzig im Sommer. Im Garten der Reudnitzer Substanz sehen die Zuschauer eng gedrängt
auf den Bierbänken "Die Vögel" von Aristophanes. Zwei Regisseure, ein und
dasselbe Stück, jeweils sechzig Minuten lang. Es liegt in der Macht des
Publikums und einer Jury, wer gewinnt. Die Ruine im Hintergrund ist gruselig,
der Abend lau, die Inszenierungen unterhaltsam und komplett unterschiedlich.
Es ist ein besonderes Flair, das das "Regieduell" umgibt. Eine Mischung aus
Improvisation und Theaterleidenschaft, das Publikum ist begeistert.
Sarkastische Idee hinter dem Duell: Wer verliert, soll dem Theater
entsagen und nie wieder Fördermittel beantragen.
Am Ende soll nur ein - das beste - Theater in Leipzig übrig bleiben.
Seite 2002 gibt es das "Regieduell", es ist die bekannteste und erfolgreichste
Produktion der Theaterbaustelle. Weil die freie Gruppe selbst keine
feste Spielstätte hat, muss sie hausieren bei den Kulturorten der
Stadt: Kunst- und Bauschlosserei, UT Connewitz, Kulturbundhaus, Spinnerei,
Noch Besser Leben. Und was keine Bühne ist, wird dazu gemacht,
wie zum Beispiel der Brunnen vor der Oper. "Das sind Räume, die kann man gar
nicht nachstellen, die sind selbst schon Bühnenbilder", sagt
Gründungsvater Johan Heß.
1999 gründete er mit Freunden die Theaterbaustelle als Verein, als Forum und
Netzwerk für die unterschiedlichsten Projekte: Theater, szenische Lesungen,
kulturelle Salons, Stückwettbewerbe, Live-Hörspiele, Theatertraining und das
Engagement in der IG Freien Szene. Durch freiwillige Obdachlosigkeit
zwingt sich die Theaterbaustelle zu ständiger Bewegung.
Eine Baustelle als Synonym für permanente Veränderung, für den Abriss von
Altem und das Entstehen von Neuem - so soll auch Theater sein.
Um die vier Theaterprojekte organisiert die Theaterbaustelle, 1.400 Zuschauer
erreicht sie pro Jahr. Große Produktionen wie das "Regieduell" schaffen ein
Polster für Experimente, auch wenn diese nicht gefördert werden.
Viele neue Stücke, Uraufführungen und Stückentwicklungen
stehen auf dem Programm. Aus dem Interesse für neue Texte und Themen
abseits des Mainstream entwickelte sich 2004 der Uraufführungswettbewerb
"Stückwerk". "Wir wollten gerne neue Stücke inszenieren und einfach
mal wissen, was schreiben die Leute so, welche Themen interessieren sie heute",
sagt Heß. Der Gewinner wird uraufgeführt, Platz zwei und drei in
einer szenischen Lesungen vorgestellt.
In diesem Jahr gewann beim "Stückwerk II" Arna Aley mit "Toteau und der
Autodieb" aus den 46 eingesandten Texten. Es ist die Geschichte der
nymphomanischen Toteau und ihrer vielen Männerliebschaften. Es geht um
viel Sex und etwas Nötigung, um die eigenen und fremden Neurosen.
Christian Müller, seit 2000 bei der Theaterbaustelle, stellt in der
Uraufführung der pornösen Sprache kühle Technik
gegenüber, Mikrofon und Beamer.
Weil "Stückwerk" ein gut gefördertes Projekt ist, gibt es auch ein
Preisgeld für die drei Gewinner. Das ist auch wichtig,
meint Christian Müller: "Wenn man den Weg konsequent weiterverfolgt,
dann kann man schon dahin kommen, Leuten bessere Gagen zu bezahlen und ihnen die
Möglichkeit zu bieten, in Leipzig ein Projekt zu machen."
Wie sich Baustellen verändern, verändert sich auch die
Theaterbaustelle - weg vom "Nur-Studenten-Theater". "Es gab einen natürlichen
Alterungsprozess", erklärt Johan Heß, und so stellt sich auch die
Frage nach einer Zukunft der Theaterbaustelle und ihrer Macher. Heß
arbeitet mittlerweile am Theater in Nürnberg und organisiert von dort
aus weiter für Leipzig.
Christian Müller sieht zwei Perspektiven für die Zukunft: "Ein Studentenverein,
der sich ständig erneuert und weiterentwickelt mit neuen Leuten und Ideen.
Oder eine Perspektive für eine professionelle Arbeit mit vernünftigen Gagen."
Neben den offenen "Salons", in denen die Truppe sich mit Materialien wie
"Gallertartige Massen" oder Länderschwerpunkten wie Polen befasst,
wird gerade über einen festen Raum zum Proben und für die eine oder andere
Premiere nachgedacht. Wird die Theaterbaustelle mit dem Alter doch noch sesshaft?
Anna Postels
|
|