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Kritik zur Premiere
vom "regieduell 2007"
Von Mathias Wöbking.


Rüschen am Jogginganzug
Molière konservativ gegen Molière modern: Heinrich Kus und Christian Müller im Regieduell am Zentralstadion (LVZ. 3.August 2007)

Nein, doch - oooooh! Eigentlich scheint die Sache klar. Ein Lustspiel von Molière? Bitte nicht mehr als Klamotte in Kostümen inszenieren. Wirklich nicht?

Das Regieduell 2007, das am Mittwochabend vor der zauberhaften Kulisse des Elsterbeckens im neuen Schauportal am Zentralstadion Premiere feierte, drängte die Frage geradezu auf: Benötigen Komödien aus dem 17. Jahrhundert, so man sie denn unbedingt aufführen muss, wenigstens einen zeitgemäßen Anstrich? Oder darf ein junger Regisseur dergleichen, in der luftig-leichten Neugattung Sommertheater zumal, auch mit Rüschen und Gestiefelten-Kater-Stiefeln auf die Bühne bringen, eng am Original?

Es ist dieser Grundkonflikt des Theaters zwischen konservativer und moderner Herangehensweise an Klassiker, den nun also das Leipziger Publikum und eine Jury in insgesamt 15 Durchläufen entscheiden sollen. Natürlich geht es auch im fünften Jahrgang des Regieduells nebenbei um das wichtige und richtige Anliegen, die klammen finanziellen Verhältnisse der Leipziger Off-Bühnen zu thematisieren. Aber wenn Regisseur Christian Müller von der Theaterbaustelle und Heinrich Kus von der Kammerbühne mit "George Dandin" gegeneinander antreten, um dem Kulturamt mittels freiwilliger Auslese das Sparen zu erleichtern, ist darüber hinaus der grundsätzliche Gegensatz beider Inszenierungen so groß wie nie, seit das Duell existiert.

"Are you ready to rumble?", schreit Stephan Koch im karierten Pyjama zu Beginn von Müllers Interpretation. Phillipp Nerlich, mit fetter Goldkette und im weißen Jogginganzug, gibt per Human Beat Box den Rhythmus. "Put your hands in the air", ruft das Ensemble, "Molière, Molière". Koch spielt den reichen Bauern George Dandin danach angenehm ungekünstelt, glaubhaft, mit rotem Gesicht. Und Nerlich weiß als dessen Gegenspieler von Hochadel, als Clitandre, die Gesichtszüge bemerkenswert komisch einzusetzen.

Wegen seines Geldes darf Dandin die junge, verarmte Baronin Angelique heiraten. Wunderbar keck verkörpert Caroline Betz, wie sich deren Wollust jedoch auf Clitandre fokussiert. Peter Eichelmann und Sabine Ulmer sagen als Ehepaar von Sotenville das eine: dass es keineswegs hinzunehmen sei, sollte das Töchterchen Angelique in eine Liebschaft verstrickt sein. Das andere drücken sie in Betonung und Körpersprache aus: dass ihnen der junge Adelige freilich besser gefällt als der Schwiegersohn.

Simon Wiese hat die Bühne in zwei Hälften eingeteilt, und während auf einer Drehfläche die eigentliche Handlung voran schreitet, nehmen die Schauspieler in ihren Pausen auf einer Couchgarnitur Platz. "Stephan, was ist eigentlich Liebe?", fragt Caroline Betz von dort und referiert, was sie über den Sinn des Universums gegoogelt hat. Immer wieder reden sich die Charaktere mit den Vornahmen ihrer Darsteller an. Das Stück erhält so eine zweite Ebne, die vielleicht von der Dynamik innerhalb eines Off-Ensembles erzählt.

Ideenreich und sehenswert, da wird wohl die konservative Fassung der Kammerbühne kaum mithalten können. Überraschenderweise tut sie es doch. Auf leerer Bühne und ohne irgendwelche zusätzlichen Handlungsstränge oder sonstige Gimmicks sind die Schauspieler auf sich gestellt. Regisseur Heinrich Kus mimt Dandin hastig und rasend vor verletztem Stolz. "Nein, doch - oooooh!", entfährt es ihm bei jeder neuen Ungeheuerlichkeit, gerade so wie Louis de Funès in den deutschen Versionen seiner Filme.

Stärker noch als bei Müller arbeiten die bleich gepuderten Schauspieler den Standesdünkel der adeligen Figuren heraus. Sonya Martin und Detlef Thyen als Elternpaar spielen ebenso herrlich distinguiert wie Viktoria Hofmaier und Thomas Höhne als Angelique und Clitandre. Dass Kus die intrigante Zofe Claudine und den tumben Diener Lubin nicht wie Müller gestrichen hat, lohnt sich nicht allein aus dem Grund, dass Sascha Hartwig und vor allem Julia Preuß bemerkenswert agieren. Darüber hinaus bleibt so die witzigste Szene des Abends enthalten. Mag es sich auch um Klamauk handeln, wie Clitandre, Angelique, Claudine, Lubin und schließlich noch Dandin im Dunkeln umher tapsen, um stets dem Falschen in die Arme zu fallen: Es ist schlicht köstlich.

Äußerst knapp fällt denn auch das Abstimmergebnis des Premierenpublikums aus. Drei, vier Murmeln mehr erhält Müllers moderne Inszenierung von den rund 100 Zuschauern. Er war jedoch nach einer kurzen Vorrunde zu Beginn des Abends auch mit acht Kugeln Vorsprung in den Wettstreit getreten, Wie auch immer das Regieduell in zweieinhalb Wochen endet, eines haben die Kontrahenten schon erreicht: zu zeigen, dass Leipziger Off-Theater keiner Auslese bedarf. Gerade weil es in so grundverschiedene Richtungen strebt.


Mathias Wöbking
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