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die Leipziger Volkszeitung vom 24. März 2004

Jean-Paul Sartre hätte seinen Spaß gehabt

Unfassbar: Als Jean-Paul Sartre 1980 in Paris zu Grabe getragen wurde, begleiteten seinen Sarg spontan 50 000 Leute. Fernsehen, Radio und Presse berichteten wochenlang über den Ausnahmedenker, für den Philosophie und gesellschaftliches Engagement keinen Widerspruch darstellten. Wäre damals jemandem der Begriff "Superstar" herausgerutscht, es hätte sich angesichts dieser Anteilnahme kaum um Etikettenschwindel gehandelt. Zumal Sartre tatsächlich einer Super-Uni entstammte, der Ecole Normale Supérieure, Frankreichs Eliteschmiede schlechthin.

Seinem legendären Ruhm zum Trotz: Als die Theater/Baustelle unlängst zur "Textdiskussion" von Sartres berühmtesten Roman, "Der Ekel" (1938), einlud, fanden sich im "Besser Leben" gerade mal acht Mitdiskutanten ein. Wahrscheinlich wären zur Besprechung von Küblböcks Memoiren mehr Interessenten in die Schleußiger Kiezkneipe gekommen. Doch was soll's? Mehr als zehn Teilnehmer tun einem Literaturzirkel ohnehin nicht gut.

Überraschend allerdings die Ablehnung, auf die der Roman auch bei den Erschienenen stieß: Ermüdend sei es, belanglos gar. Die Geschichte eines Historikers, den der Ekel über die Zufälligkeit und Sinnleere der Existenz lähmt, und der seine Hoffnungen zum Schluss auf die Kunst setzt, berührte hier nicht. Selbst René, der den Roman zur Diskussion vorgeschlagen hatte, distanzierte sich. Vor Jahren habe das Buch ganz anders auf ihn gewirkt. Vielleicht hätte die Runde mit Sartres Dramen - etwa "Die respektvolle Dirne", "Die Fliegen", "Bei geschlossenen Türen" - mehr anfangen können. Ein Theatertext steht denn auch morgen bei der Textdiskussion auf dem Programm, Oliver Schmaerings "Welt All Tag". Kein Drama, das man kennen müsste: "Welt All Tag" ist das Siegerstück des 2003 erstmals von der Theater/Baustelle ausgeschriebenen Wettbewerbs "Stückwerk". Ein unpublizierter, unaufgeführter Text, in dem unter anderem ein terroristischer Meteorit eine Rolle spielt, der die Erde nur dann verschont, wenn eine Schopenhauer-Sondersendung eine Einschaltquote von mindestens 40 Prozent erreicht. Welturaufführung wird "Welt All Tag" am 1. Mai in der naTo haben. Jetzt bei der Textdiskussion sind sowohl Autor Schmaering als auch Regisseur Johan Heß anwesend. Auslöser für den "Stückwerk"-Wettbewerb war übrigens Missfallen an den landauf, landab gespielten zeitgenössischen Stücken. Eine kleine, engagierte Amateurgruppe umgeht den großen Kulturbetrieb und beschafft sich per Wettbewerb den Stoff, den sie will. Daran hätte Sartre ganz sicher seine Freude gehabt.
Hendrik Pupat

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