| die Leipziger Volkszeitung vom 6. November 2002 über krank von Johan Heß, Inszenierung: Christian Müller
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Kleine Psychodramen ums Leben und die Liebe
Die Suche nach dem Augenblick, dem magischen: Wo ist sie drängender als in der Kunst? Autor Johan Heß, sich selbst spielend, hat Glück. Er findet diesen Augenblick gleich zu Beginn seines Stückes "Krank". Im wundervoll morbiden UT Connewitz geht das Licht aus und Heß, mitten im Publikum sitzend, aber dank Kostümierung leicht als Figur erkennbar, ruft: "Das ist es. Dieser kurze Moment. Kann ich das noch einmal haben?" Licht an. Licht aus.
Heß, der sich gekünstelt gibt, so, wie es die theaterbaustelle mag, vergleicht diesen Moment mit einem Zug, der in den Tunnel fährt. Ein abgegriffener Vergleich freilich. Dass an diesem Abend ohnehin eher zurück geschaut wird als nach vorn, deutet bereits das Programmblatt an. Becketts "Warten auf Godot" wird dort zitiert und Else Lasker-Schülers Drama "Die Wupper".
Doch der Auftakt besitzt Magie. Heß verteilt Kerzen, schlägt im Flackerlicht vor, "familiär" zu werden, sich zu umarmen, zu küssen. Dann aber beginnt auf herbstbelaubter Bühne eine undurchsichtige Handlung. Clownesk-tragische Figuren, die Becketts existenzieller Schwere nacheifern, proben ein Stück, verlieren sich in Lust, Leid, Schwärmerei, Reflexion. Anderthalb eher höhepunktlose Stunden. Das Ganze erscheint fiebrig unscharf. Insofern "krank", ja.
Klar ist: Es geht um Liebe, die in Person von Katja Pohl mit brauner Perücke und rosa Strümpfen im Sarg daherkommt. Bei ihr sind Totengräber Frederech (Carsten Wilhelm, vogelscheuchenhaft), der sie begehrt, aber nicht kriegt, und Franz (Heiner Apel), dem die Liebe ebenfalls zu schaffen macht. Als Gäste treten Bulimie (mit Kühlschrank) und Narzissmus (mit Spiegel) auf, beide nett gespielt von Caroline Weber.
Psychodramen spulen sich ab: Frederech verfolgen Friedhofskrähen; die Liebe kriegt ihr Leben nicht auf die Reihe; Autor Heß pennt betrunken am Tresen. Franz stirbt als erster.
Am überzeugendsten in diesem Trauerspiel ist der Schauplatz: Das halb zerfallene Kino erzählt jedenfalls mehr vom Leben, als es das Stück vermag.
Hendrik Pupat
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