| Schwäbisches Tagblatt vom 2. Mai 2001
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Schmatzend wie Glut
theater\baustelle blickt ins Dunkel der Vergangenheit
Ein Familienporträt wird zerrissen. Das sieht man nicht nur, das hört man auch. Ein Reißen hallt durch den Raum; Vater, Mutter, Tochter und Sohn stieben auseinander. Stille. Dem Auseinanderdriften der Teile folgt 18 Jahre später der Versuch, das Puzzle wieder zusammen zu setzen. Nur sind die Bruchstellen jetzt abgeschliffen. So richtig passen will da nichts mehr. Alle suchen, keiner findet.
"In den Augen eines Fremden" heißt Wolfgang Maria Bauers Stück, das die Leipziger "theater\baustelle" am Sonntag in die fast volle LTT-Werkstatt gebracht hat, und es gibt sich in der Rekonstruktion der Vergangenheit als lyrisch-mysteriöser Krimi. "Poesie ist im Theater immer stärker als Realität" zitiert das Faltblatt den Autor, und diese Aussage ist Programm. Denn in den zwölf Szenen, die in einer Nacht sechs Personen von der totalen Verlorenheit in eine etwas abgedämpftere führen, wird vom Autor und der für die Inszenierung zuständigen Christine F. Rudolph vieles im Dunkel gehalten.
Ganz gefordert ist der Zuschauer deshalb in seiner Vorstellungsfähigkeit. Ein tresenförmiges "Z" allein wird dabei mal als Klippe für Lebensmüde, als Bar oder Empfangsschalter eines einsamen Hotels benutzt. Stark auch die Andeutung eines Hauses, bloß über einen flugs mit Kreide aufgezeichneten Grundriß samt Fenster und Tür.
Mit Bildern und Stimmungen füllt das bunte sechsköpfige Ensemble die minimalistische Szenerioe an. Allen voran Wolfgang müller-Schauenburg als undurchschaubarer Klippenhüter und Charon. VIelleicht auch gewalttätiger Familienvater. Gemunkelt wird viel. Auf jeden Fall aber als einer, der treff- und stilsicher einen zermürbten alten Mann darstellt. Um ihn herum treiben seine Vielleicht-Kinder Vera (Sabine Bauer) und Daniel (Jakob Nacken), der lebenswütig so schöne Sachen sagen darf wie: "Wir könnten eine Religion gründen, Attentate verüben, Pyramiden bauen."
Dazu seine mutmaßliche Ex-Frau Gratia (Cornelia Kühnbach), ein Verliebter (Sebastian) und ein Portier (Sven Thoms). Alle messen sie den Raum laufend und rennend aus. Sprechen aufeinander ein, aber nicht miteinander und bleiben sich so fremd. "Be walkin'": Ihren Wahlspruch heftet Vera gegen Schluss an das Tresen-Klippen-Bar-Gebilde: Zumindest einem der sechs ist das Anlass zum Optimismus. DIe andern bleiben was sie sind: geworfen und verloren. Im Ungewissen.
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