| Leipziger Volkszeitung vom 12. August 2002 übers regie\duell
|
Extrem heldenhafte Selbstzerfleischung
Beginn des "Regie\Duells" um Lizenz zum Inszenieren
Kampfschreie
weisen den Weg zur Bühne hinterm Biergarten der Substanz. Dort stehen
sich zwei Teams gegenüber, die Roten (Theater\Baustelle) und die
Grauen (Transit e.V.). Ihre Kostüme muten futuristisch und antik zugleich
an. Irgendwas zwischen Toga und Star Trek. Gladiatoren? Sportler?
Die Belegschaft eines versnobten Fightclubs? Fast. Es sind Theateramateure,
die für ihr Grundrecht antreten, die Kulturlandschaft mitzugestalten.
Bevor sie an Fördermittelknappheit eingehen, zerfleischen sie sich beim
"Regie\Duell" lieber selbst. Logisch ist das nur bedingt. Aber heldenhaft
und angenehm ironisch.
Der Kassierer muss Besucher abweisen, während
Moderator Gunter Röhring in der vollen "Substanz-Arena" die Regeln
erläutert: "Es geht ums Überleben." Beide Theatergruppen haben
Marivaux’ "Der Streit" geübt. Eine Komödie, die um die Frage kreist, ob
Treue möglich ist und wer sie mehr gefährdet: Mann oder Frau.
Jedes Team hat 60 Minuten, Produktionskosten
fließen negativ in die Wertung ein, Gagen sind Tabu. Das bessere
Preis-Leistungsverhältnis soll siegen. Die Zuschauer küren Tagessieger.
Am 25. August fällt eine Fachjury die endgültige Entscheidung. Bislang
besteht sie aus Kulturpolitiker Robert Clemen, MDR-Moderator Michael
Hametner, LVZ-Theaterkritiker Klaus Baschleben und Szene-Sprecher Falk
Elstermann. Der Verlierer tritt für immer von der Bühne ab und
verpflichtet sich, dem Gemeinwohl durch nützlichere Tätigkeiten zu
dienen.
Am ersten Abend bestimmte ein Münzwurf (also
ist Geld da!), dass Transit beginnt. Jungregisseur Mario Kneipert wählte
eine ebenso minimalistische wie experimentelle Lesart des
Marivaux-Klassikers. Er strich die Rahmenhandlung, reduzierte das Bühnenbild
mutig auf etwas Obst und ein Tuch. Narzissmus, Freundschaft, Homo- und Heterosexualität,
Mono- und Polygamie: Die Figuren dürfen alle erotischen Spielarten antesten.
Das reißt nicht wirklich mit, doch am Ende weiß man: Jedes Ende ist auch
Anfang.
Prompt beginnt "Der Streit" erneut, nur ganz
anders. Johan Heß (Theater\Baustelle) inszeniert es als kleine Truman-Show
mit den Protagonisten als Marionetten der Medien. Klamottig, laut und
zappelig, mit Lacheffekt. Für die meisten Zuschauer war das am Premierenabend
die bessere Wahl.
Zwar ist bis zum 25. August vieles offen. Aber
eines schon klar: Theater\Baustelle sollte ins Kampagnenteam der
Initiative Leipzig Plus Kultur geholt werden – und ihr unter anderem
zeigen, wie man eine Internetseite mit Inhalten füllt. Oder sie rufen
zum Web\Duell...
|
|