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theaterbaustelle
die Leipziger Volkszeitung vom
18. Februar 2006 über
die Szenische Lesung: "Wenn du mich liebtest, würdest du gern Knoblauch essen"

Überlebenstraining frei nach "3 DBr + AGW = EKA"

Die Theaterbaustelle eröffnet das Noch Besser Leben mit der "Anleitung zum Unglücklichsein"

Auf der Objektebene wäre die Sache so einfach! Wenn SIE fragt "Schmeckt Dir die Suppe?" Könnte ER antworten: "Nein". Das Elend beginnt auf der Beziehungsebene. Denn SEIN "Nein" würde SIE, die Köchin, möglicherweise sehr kränken. Doch auch ein "Ja" birgt Gefahren, wie das Beispiel des Mannes verdeutlicht, dem seine Frau seit 16 Jahren zum Frühstück Cornflakes serviert - nur weil er sich nie traute, ihr zu sagen, dass er Frühstücksflocken hasst.

"Die Hölle, das sind die anderen." Wer würde Sartre da widersprechen wollen? Der Psychotherapeut Paul Watzlawick jedenfalls nicht, dennoch erkennt er das Unterhaltungspotenzial "Dantes Inferno ist ungleich genialer als sein Paradiso, dasselbe gilt für Miltons Paradise Lost, demgegenüber Paradise Regained... fade ist... Faust I rührt zu Tränen, Faust II zum Gähnen." Den besten Beweis lieferte Watzlawick selbst. Sein Ratgeber "Anleitung zum Unglücklichsein", aus dem die Beispiele und Zitate stammen, verkaufte sich seit 1983 über eine Million Mal. Die Theaterbaustelle transformierte den Lesestoff nun in ein Selbsthilfeseminar. Am Donnerstag war Premiere. Es treten auf: der olle Watzlawick, sein junger Assistent Paulchen Watzwick und die Jacksons, eine ganz normale Katastrophenfamilie. Dazu der markige Titel "Wenn du mich liebtest, würdest du gern Knoblauch essen" und ein außergewöhnlicher Schauplatz, Anja Sokolowskis neues Noch Besser Leben in Plagwitz.

Watzlawick (herrlich: Didi Voigt) referiert, wirft Knoblauch-Pillen ein und lässt Formeln anschreiben wie "3 DBr + AGW = EKA", heißt man wähle eine "dreidimensionale Bedrohung", etwa eine Krankheit mit allgemeinen Symptomen, steigere die Aufregung bis an die Grenze des Wahnsinns, und schon hat man eine erstklassige Angst.

Die vier Jacksons geben sich alle Mühe, die Lektionen in die Tat umzusetzen. Auch das Publikum darf eine Übung lang die Brust sacken lassen. "Die Frauen meiden bitte Bodenkontakt". Zotig, zotig. Nach zwei Stunden zeugen verstreute Cornflakes von einer turbulenten, wenn auch vom Blatt abgelesenen und nicht immer virtuos gespielten Inszenierung. Vielleicht hätte Regisseur Johan Heß an der Strichfassung noch etwas feilen sollen. Doch auch so bescherte die Theaterbaustelle dem neuen Noch besser Leben, selbst noch charmante Baustelle, proppevolle Räume. Das schaffen andere freie Theatervereine nicht.


Hendrik Pupat

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