Teatr-Schnäppchen unterm roten Stern
So viele kulturelle Schnäppchen gab es lange nicht auf einen Schlag: "Bessere Zeiten"-Festival,
Chailly auf dem Augustusplatz, und für Sonntag lud die IG Freie Szene zum "Teatr"-Spektakel in den
Russischen Pavillon auf der Alten Messe. Die in der Interessengemeinschaft zusammengeschlossenen Künstler
boten mit Aufführungen, Auftritten und Ausstellungen einen kostenlosen Überblick über das vielfältige
Schaffen der Freien Szene.
Die Empore über der Lobby ist fast so gut besucht wie manche Theatervorstellungen. Immerhin hat seit
vielen Jahren niemand einen Fuß in das Gebäude mit dem roten Stern gesetzt. Im Oktober soll es hier eine
viertägige Kunstmesse geben. Da trifft es sich gut, dass die freiwilligen Helfer aus der Szene schon mal die
Reinigungsarbeiten erledigt, Schuttberge weg- und Fluchtwege freigeschaufelt haben. "Das war ein Riesenaufwand",
sagt IG-Sprecher Jost Braun. "Aber es hat sich gelohnt."
Von außen wecken rote Stoffbahnen auf unverputzten Wänden Erinnerungen. Die mit Infoständen verschiedener
Gruppen gefüllte Lobby aber wirkt fast wie eine Bahnhofsvorhalle - statt Zug-Abfahrtszeiten werden die gerade
anlaufenden Vorstellungen an die Wand projiziert. Überall herrscht reges Kommen und Gehen. Ob oben im großen
Theatersaal oder in der Lounge, unten im kleinen Theater, im Kino und bei den Ausstellungen und Installationen
dazwischen. Auch vor dem Pavillon gibt es witzige Aktionen wie die Trommelshow der "Autosymphoniker" oder das
Walking Theatre der Theaterbaustelle.
Auf ein paar Tausend schätzt Jost Braun vom Theater im Globus die Zahl der Besucher - über den ganzen Tag
verteilt. Claudia Schulz ist mit ihrem Freund und Töchterchen Luzie da. "Das ist eine tolle Sache", lobt die
Sekretärin im Mutterschaftsurlaub die Festivalidee. "Da viele Sachen parallel laufen, ist man nicht an
bestimmte Zeiten gebunden und kann sich vieles anschauen."
Nur Kulturbeigeordneter Georg Girardet bekommt von all dem nicht so viel mit. Bei einer Podiumsdiskussion in
den Kulissen der turbulenten "Pappsatt!"-Show wird über "Finanzierungskonzepte der Zukunft" debattiert.
Girardet wendet sich hier gegen das Klischee vom verstaubten Schauspiel: "Die freie Szene ist teilweise
konservativer als das Stadttheater". Vertreter der Leipziger Szene waren zu dieser Runde nicht geladen,
weil "wir ja nicht so viel jammern wollen", so Moderator André Kudernatsch. Dessen Honorar wird übrigens
durch den Erlös einer Tombola finanziert. Auch ein Schnäppchen.
Frank Schubert
|